Cover von "Binti" von Nnedi Okorafor, vor einem Bücherregal

Mir wurde über NetGalley ein Rezensionsexemplar dieses Buches zur Verfügung gestellt. Ich danke NetGalley, der Autorin und dem Verlag dafür.

Ich liebe Nnedi Okorafors Schreibstil. „Who Fears Death” war so wundervoll geschrieben wie herausfordernd zu lesen, und als weiße und eurozentrisch aufgewachsene Person sollte ich mich einfach auch mal ab und zu (und viel öfter) so durchschütteln und aus meiner privilegierten Ecke rütteln lassen.

Mit „Binti“ war es etwas spannend. Im Vorfeld sagten zwei Menschen in meinem Umfeld doch sehr viel Negatives über das Buch. Da hatte ich allerdings gerade das Leseexemplar bekommen (und es mag etwas die Freude verdorben haben, aber die Neugier hat es gesteigert).

Ich erwartete also nach den Erzählungen völlig abgedrehte und Lesende aus Plotelementen heraus verwirrende und enttäuschende Science-Fiction. Aber das war gar nicht in der Box, die so beschriftet war! Stattdessen erwartet Lesende leuchtende Sci-Fi, die doch anders ist als die übliche und mal nicht ein Verschnitt von Star Wars oder Perry Rhodan (auch das kann gut sein, aber ich freue mich auch sehr über neue große Konzepte). Dazu kam, dass nicht das übliche Schema einer rassismusfreien und völlig perfekten Gesellschaft gezeigt wird, die „durch den Fortschritt einfach auf einmal cool wurde“. Diese Gesellschaft hat eine große Portion Rassismus, und das muss die (wunderbar epische!) Protagonistin viel selbst erfahren.

Auch die Aliens fand ich super! Sie sind mal nicht humanoid, und sie wollen auch nicht alles zerstören, sondern… es ist kompliziert. So ein tolles Konzept, und auch wie Binti, die Protagonistin, hineingeworfen wird – es ist einfach originell und passt so gut zum bildreichen und sprunghaften Stil von Nnedi Okorafor.

Was mir auch extrem gut gefallen hat: es gibt eine Verbindung zu unserer Zeit. Ja, es ist alles schon eine Weile her, aber Artefakte, alte Gegenstände mit vergessenem Nutzen, aber hohem ästhetischem Wert, spielen eine Rolle und existieren damit ganz selbstverständlich neben neuen Technologien. Dadurch wird auch eine kleine Brücke in der Erzählung geschaffen, die mir sonst bei Science-Fiction oft fehlt: die Frage danach, wie sich das alles entwickelt hat, wird in diesem Band nicht völlig beantwortet, aber auch nicht völlig offen gelassen.

Daneben ist im Coming-of-Age-Erzählthema Platz für die Entwicklung von Binti innerhalb ihrer Familie und deren Traditionen, die in Teilen sehr an echte Traditionen der Himba in Nigeria angelehnt sind. (Das macht das Buch für deutsche Lesende noch einmal wichtiger, denn die Himba leben in direkter Nähe zu den Herero und sprechen eine Variante derselben Sprachfamilie – lest Bücher über die Menschen, die von Deutschland ermordet wurden und unterdrückt werden, auch in fiktiven Interpretationen!) Binti selbst wurde übrigens durch die historische Figur Mariam Al-Ijiliya inspiriert, die im 10. Jahrhundert in Aleppo in Syrien lebte und dort durch ihre technischen Fähigkeiten, auch mit der Herstellung einer historischen Version der im Buch weiterentwickelten Astrolabien, innerhalb der muslimischen Gesellschaft großen Einfluss erlangte.

Also – ja. Das Buch folgt nicht unbedingt vorauszusehenden narrativen Strukturen und ist dadurch tatsächlich eine kleine Herausforderung. Aber geht sie ein! Und ich muss los – das Buch soll nämlich auch in meinem Schrank stehen, und dafür muss ich dringend sorgen. Und die Bände 2 und 3 müssen bestellt werden!

[Content Notice fürs Buch: Rassismus, Gewalt, graphische Beschreibungen von körperlicher Gewalt und von Leichen (Gore)]