[Content Notice: Rassismus, sexuelle Übergriffe, Cultural Appropriation; Spoiler für The 100, Staffel 1]


Ich bin mit der ersten Staffel The 100 durch und möchte, wie angekündigt, die Staffel etwas Revue passieren lassen und Eindrücke sammeln. Ein paar Erwartungen hatte ich ja auch schon im ersten Artikel angekündigt – aber was ist daraus so geworden? Am besten, ich teile mal nach ein paar Kategorien auf.

Der erste Eindruck

Ich bin in das Genre der Serien mit apokalyptischem Plot erst vor kurzem gestolpert – seitdem schaue ich nach- und durcheinander The Rain, The Society und eben endlich The 100, eine Serie, die ewig auf meiner Liste stand. Ich hatte Vorbehalte wegen vermutetem langweiligen Plot (ohne ein Zombie-Outbreak fehlt diesen Serien ja doch das, was ich eigentlich als Grundvoraussetzung sehe: Eine Art von fantastischem Element aus der groben Fantasy- oder Sci-Fi-Ecke). Und ich befürchtete zu viel Figuren-Drama, zu wenige Varianz in den Handlungsorten und Cultural Appropriation – alles Dinge, zu denen viele apokalyptische Settings neigen und die mir wirklich nicht gefalen.

Einige Aspekte davon sind leider auch definitiv weiter vorhanden. Aber ich bin ein großer Fan des Plots und der Figuren, und deshalb werde ich wohl trotz der Schwierigkeiten, die die meisten Mainstream-Serien eben so haben, dabei bleiben.

Plot, Struktur und Erzählgeschwindigkeit

Ich habe in meinem Leben schon einige Serien recht schnell abgebrochen. Um üble Mengen von Diskriminierung komme ich natürlich schon dank Empfehlungen und Audience-Eindrücken herum, aber wenn Serien theoretisch total in mein Schema passen, kann es trotzdem passieren, dass ich sie langsamer oder gar nicht weiterschaue. Ich habe nämlich nicht nur wenig Geduld für üblen Inhalt, sondern (leider) auch wenig Geduld für langsames Pacing. Natürlich verpasse ich dabei auch viel (zum Beispiel habe ich vor einer Weile festgestellt, dass The Rain nach Folge 5 doch schneller wurde und nach einem halben Jahr Pause anderthalb Staffeln an zwei Tagen angesehen). Aber irgendwo muss ich ja auch eine Entscheidung treffen, um beim Serien Schauen nicht einzuschlafen.

The 100 hat für mich ein angenehmes Pacing. Etwas schneller dürfte es noch sein, da wurde etwas zu oft damit gearbeitet, mit Handlungssträngen auf der Erde und auf der Ark zu wechseln und jeweils einen gerade in einer Ruhephase zu zeigen. Aber gerade durch Murphys Plot und Octavia, die nicht den tollsten Plot hatte, aber eine spannende Entwicklung an einer anderen Ecke als die Hauptpersonen durchgemacht hat, kam wirklich noch etwas Bewegung und Abwechslung rein, und alle Fäden wurden am Ende zumindest wieder in die Nähe voneinander gelegt. Auch so etwas finde ich sehr angenehm. (Das Finale lasse ich in dieser Aufzählung mal weg, so etwas ist gemein, aber effektiv – ich schaue natürlich auch weiter, um zu erfahren, was passiert.) Ich bin gespannt, wie das Pacing in den nächsten Staffeln weitergeht, aber wie sich der Plot entwickeln wird, wissen wir ja gerade gar nicht.

Figuren

Die Figuren haben sich in den letzten paar Folgen der Staffel erstaunlich stark verändert. Endlich bekomme ich auch so etwas wie einen Überblick über die Nebenfiguren, da sich Finn und Murphy endlich unterschiedlich genug benehmen, dass ich sie nicht dauernd für ihre Figur in einen Topf werfe (Sorry, Finn, you seem like a good guy). Zu meinem Leidwesen besteht das Love Triangle zwischen Clarke, Finn und Raven aber noch und ich warte etwas darauf, dass es nächste Staffel im schlimmsten Fall noch anstrengender wird.

Außerdem macht Clarke in den letzten paar Folgen eine starke, plötzliche Veränderung durch: Sie bewegt sich endgültig von der Charakterisierung als Good Guy und Heldin weg, mit der sie durchaus bisher auch schon gehadert hat, was aber immer eine Rolle war, zu der sie aktiv zurückgekehrt ist – und die sie aktiv gespielt hat. Es schien jetzt am Ende der Staffel sogar, als würde sie damit auch neben Bellamy zu einer gemeinsamen Authorität unter den Jugendlichen aufsteigen – doch das Überleben der Erwachsenen und ihre Ankunft auf der Erde wird dieses Konstrukt vermutlich ganz schon durchrütteln. Ich bin sehr gespannt, wer sich da noch wie viel Autorität erkämpft – also wenn der Plot darum gelöst wird, was Clarke in der Mount-Weather-Station macht und das Ganze nicht einen riesigen neuen Plot auslöst. Früher oder später erwarte ich die erwachsenen Figuren aber an wichtiger Stelle: Immerhin wurde ihr Leben an Bord der Ark noch die gesamte Staffel immer weiter gezeigt. Diese Figuren jetzt ganz oder beinahe fallen zu lassen, würde mich etwas verwirren – und auch enttäuschen. Denn sie machen sich wirklich gut als Gegensatz zu den inzwischen sehr abgehärteten und eingelebten/etablierten Jugendlichen.

Ich bin im ersten Artikel darauf eingegangen, dass mir dieses „Abhärten“ zum Teil wirklich nicht gefallen hat – die Anspielungen auf sexuelle Übergriffe, die Abhängigkeiten, die sich gebildet haben und die übel ausgenutzt wurden. Zum Ende der Staffel wurde der Umgang damit für mich besser und damit tatsächlich auch realistischer (denn ich weiß auch nicht, was Menschen so in der Apokalypse tun würden, aber ich glaube, nicht alle werden zu absoluten Arschlöchern). Die Figuren wurden nicht nur weniger willkürlich, sondern mussten in Form von Murphy auch mit ihren eigenen Fehlern klarkommen und sich selbst einen Umgang damit erarbeiten. Tatsächlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass er wieder auftaucht – auch als Verschwundener hätte er für Albträume gesorgt. So eben noch für viel realere Albträume (und für ein neues Thema, das mich spannende neue fiese Auseinandersetzungen in der nächsten Staffel erwarten lässt).

Repräsentation

Stereotypen und schädliche Repräsentation könnten zu dem Grund werden, wegen dem ich diese Serie eines Tages abbreche. Die zunächst nur schemenhaft skizzierten Grounders gaben vor allem am Anfang eine rassistische Schablone ab, durch Octavias Erlebnisse und ihrem Interesse an ihrem Leben wurde das besser – aber eben auch nur in Bahnen der Cultural Appropriation gelenkt. Das funktioniert nicht nur auf narrativer Ebene innerhalb des Plots so, sondern auch mit dem Übernehmen von Elementen aus realen Sprachen, realen Medizinkonzepten von Naturreligionen und Zeichen wie Tattoos. Auch Lincoln hat viel dazu beigetragen, dass der Eindruck der völlig homogenen Grounders durchbrochen wird. Aber dazu muss er immerhin erst als Plotmittel dienen und dabei gefoltert werden, für die erwiderte Liebe zu einer Frau innerhalb einer weißen Community rassistisch herausgestellt und bestraft werden – und das nur, um dann von Octavia gerettet zu werden, die zu diesem Zeitpunkt klar auch ihren Bruder vor seiner dunklen Seite retten will.

Dazu kommt – der Grundplot. Wir schauen uns hier immerhin eine Serie über einen einzigen Land-Stealing-Vorgang durch weiße Menschen an, die sich überlegen fühlen und ihre vermeintlich besseren Werte ausbreiten, obwohl sie diejenigen sind, die noch nicht einmal in ihrer eigenen Gruppe schaffen, einheitliche soziale Regeln zu etablieren. Ja, sie sind Teenager. Aber sie sind die mit den überlegenen Waffen (was auch ein kleines Plothole ist – Weshalb haben die Grounders die eigentlich nie gefunden?). Also definitiv keine grundlegend coole Handlung. Was auch immer für eine weitere Partei mit der Mount-Weather-Station auf uns zu kommt, ich hoffe, sie bringen etwas Abwechslung in dieses Gut-gegen-Böse-Szenario. Das bisherige Szenario hat ja auch zuletzt den einen Schwarzen Jugendlichen im Cast als Vertreter der bösen Elite dargestellt und ihn als erste Figur durch Fremdeinwirkung sterben lassen. Ich hoffe auf bessere Handlung in diesem Sinne.

Realismus im apokalyptischen Setting

Mein erster Eindruck der ausgearbeiteten Apokalypse und ihrer Folgen in dieser Serie war bereits sehr gut, und auch der Rest der Staffel hat den Cast noch an einige coole, verlassene Orte in verschiedenem Zustand des Verfalls geführt. Die Folgen der Apokalypse finde ich besonders deshalb spannend, weil sich langsam zeigt, dass die Raketen eben vermutlich nicht überall genau gleichzeitig eingeschlagen haben und dass inzwischen auch Orte wie unterirdische Gänge eine Rolle spielen, die schon lange da waren und die sichtlich auch schon lange als solche genutzt werden. Diese Art der neuen Geschichtsschreibung, die sich da zeigt, finde ich toll – und es ist auch sehr gut, dass daran überhaupt gedacht und Konzepte dafür entwickelt wurden. Ich mag die Komplexität und die Details der Welt wirklich sehr.

Die Staffel wurde jetzt mit einem Cliffhanger beendet. Genau deshalb hoffe ich auch auf etwas Plot um die Mount-Weather-Station: eine neue Partei würde einiges aufwirbeln, aber mir auch das Gefühl geben, dass dieser Cliffhanger gerechtfertigt war. Immerhin fühlen die sich meist auch dann sehr gemein an, wenn ich nicht am Ende der gerade veröffentlichten Folgen bin und die Wahl habe, die Serie direkt weiterzuschauen.

Ein Problematic Favourite?

Ich schaue einige Serien, die problematisch sind. Immerhin verherrlichen die meisten Marvel-Serien und andere Inhalte offen Gewalt und toxische Männlichkeit. Und ich bin bereit, für eine gute Story einiges auszuhalten, aber fühle mich selbst dabei und danach auch in der Pflicht, diese Problematik an den jeweiligen Medien anzusprechen. Tatsächlich habe ich ein bisschen Angst, dass es The 100 mit der Cultural Appropriation und dem Rassismus in der Handlung noch übertreiben wird. Aber andererseits haben sie jetzt einen Anfang, an dem sie auch in eine sehr viel bessere Richtung abbiegen könnten. Ich hoffe, sie werden das tun. Denn die Figuren sind mir ans Herz gewachsen, das Bangen mit ihnen um das Überleben und die ersten Wege in der neuen Umgebung war eine wirklich gute Unterhaltung. Mal sehen, wie das weitergehen wird, eben auch mit der Ankunft der Erwachsenen, mit denen vielleicht auch das Thema der Verantwortung als Jugendliche wieder wegfallen wird. Aber das werde ich wohl erst noch sehen. Ich freue mich darauf!


CNs für die Serie gibt es hier und hier.

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Mein Eindruck nach 10 Folgen