[Ich schreibe hier einen Bericht zu meinen Erfahrungen bei der Schreib-Aktion CampNaNoWriMo. Hier findet ihr eine Erklärung zum Hauptevent NaNoWriMo, hier mehr zum Camp.]


Einige von euch werden es wissen: Ich schreibe nicht nur diesen Blog und ab und an woanders, sondern auch Prosa. Darüber habe ich eine Weile relativ viel Content auf Social Media gemacht, besonders im letzten halben Jahr. Zu diesem Zeitpunkt war mein Roman seit zwei Jahren beendet – und aus einigen Gründen, die sowohl mit Persönlichem als auch mit dem Schreiben zu tun hatten, habe ich ihn dann einfach nicht mehr angefasst. Der Rewrite war als fällig beschlossen, ich hatte eine Richtung für eine neue Charakterisierung der Figuren, der Plot sollte einfach stehenbleiben. Es gab damit einen sehr ausführlichen und direkten Plan. Und doch habe ich – wie gesagt, aus einigen Gründen – nicht losgelegt. Und es wurde Mitte 2018 und Ende 2018, und die Sehnsucht nach dem Schreiben kam wieder. Ich habe Pläne gemacht, mich mehr mit anderen Schreibenden ausgetauscht, ein Meetup gegründet. Und doch nicht den ersten Satz der neuen Fassung geschrieben. Und dann stolperte ich plötzlich ins CampNaNoWriMo 2019.

Meine schwierige NaNo-Vergangenheit

Ich habe schon einige NaNos versucht. Die ersten in der Schulzeit, damals noch ausschließlich die November-Ausgabe, die mir als unerfahrene Autorin lange wie die einzige Ausgabe erschien. Und damit eben auch wie die einzige Option, mit allen Nachteilen. 50.000 Wörter als festes Ziel: Was für viele, die gerade aus dem Schreiben raus sind oder tatsächlich noch nebenbei ein Leben haben, schon schwierig ist – und noch schwieriger für Menschen mit Behinderungen, psychischen Problemen, Kindern und der Notwendigkeit von vielen Arbeitsstunden zum Leben. Gerade auch von einer mal eben so nebenbei laufenden Schreibroutine auszugehen und dann direkt von sich zu erwarten, 1.667 Wörter täglich schreiben zu können, lässt viele neue Teilnehmende gegen die Wand laufen, die sich eigentlich eine generelle Schreibroutine vom NaNo erhofft hatten – weil es so, so schwierig ist, diesen Erfolg zu erreichen.

Das Camp macht genau das anders. Und doch war das hier mein zweiter Versuch. Der letzte im Juli 2018 lief mit einem Ziel von 25.000 Wörtern, weil ich wieder meinen Realismus hinter die Erwartungen einzelner krasser Menschen aus diesem Internet hintenangestellt hatte und dachte, es müsse ja zumindest „ein halber NaNo“ werden. Ich habe wieder nur einen einzigen Tag geschrieben und dann aufgegeben. Denn diese Erwartung ist Müll. Es geht beim NaNo darum, ein eigenes Ziel zu setzen und zu erreichen und kein vorbestimmtes. Das Erlebnis ist das Herausfinden der eigenen Grenzen und das Gefühl davon, dieses Ziel doch irgendwie möglich gemacht zu haben – wenn es klappt. Daher kann das Wortziel für dieses Konzept eigentlich nicht unmöglich hoch sein, sondern kurz hinter dieser persönlichen Grenze. Und dass das zumindest für mich nur so funktionieren kann und dass ich NaNos und Camps nur noch so mitmachen kann, war für mich eine wichtige Lektion, die ich leider erst gegen Anfang dieses CampNaNos gelernt habe.

Mein CampNaNo im April 2019

Denn dieses CampNaNo lief anders. Ich ging mit einem Ziel von 10.000 Wörtern ins Camp – und damit dem inoffiziellen Ziel, sieben oder acht „ganz okaye“ Schreibabende zu haben. Ich habe auch genau damit gerechnet, dass ich das an mehreren einzelnen Abenden erledigen würde. Und ich habe erwartet, dass ich mich dazu hinsetzen und diese Abende auch komplett investieren müsste, um dieses für mein produktiv Schreibendes Ich (von vor ein paar Jahren) sehr kleine Ziel zu erreichen. Aber diese Version von mir war eben weit weg – ließ sich geradezu nicht erreichen – und deshalb war sie auch nicht relevant. Ich nahm mir 10.000 Wörter für den Monat vor, und hatte dann einiges Glück mit dem Rest. Denn ich fand zum ersten Mal in meinem Leben coole Leute für eine Cabin. Besonders: coole, selbstironische Leute für eine Cabin. Und das in einem Monat, in dem ich einen Schreibstammtisch gründete! Dass da auch vor allem selbstironische Leute auftauchten, war keine Garantie. Aber beides hat mich unglaublich gepusht.
Dieses ständige Beschäftigen mit dem Schreiben muss nämlich gar nicht sein. Aber so ein- bis zweimal am Tag einen Kommentar zu bekommen, einen Austausch mit den anderen Orgas zu haben oder einen Tweet von jemandem aus der Cabin zu lesen? Das hat verdammt geholfen. Auch wenn es tatsächlich um die Raumfrage der Orga ging oder um einen ganz anderen Tweet von jemandem in meiner Cabin.
Ich habe dieses Gefühl, so tief in einem Umfeld des Schreibens und gleichzeitig so glücklich mit meinem Schreiben zu sein, zuletzt gehabt, als ich noch sehr aktiv bei der Schreibnacht-Community war. Doch dieses Forum gefiel mir schon vor langer Zeit nicht mehr und ich habe es länger verlassen. Umso faszinierender, dass das Wortkompass-Forum sehr auf dem Weg dahin ist, dieses Gefühl zu ersetzen – und das parallele Tracken über die Seite vom CampNaNoWriMo und meine Cabin und dann über meine Wortkompass-Seite war sehr spannend. (Zumal ich anscheinend eine wirklich geeignete Person für den NaNo bin, wenn ich erstmal drin bin, denn ich mag ansteigende Zahlen und hübsche Visualisierung von Zielen und Fortschritten viel zu sehr.)

Und ja, damit waren die Umstände wirklich gut. Ich setzte mich hin und schrieb in dieses CampNaNo rein und wartete auf Tag 2, an dem ich wieder mit dem Schreiben aufhörte. Nur: der kam nicht. Stattdessen entstand ein Drang, mich auszutauschen – ein Drang, weiterzuschreiben, mehr Erfolg zu vermelden, mir selbst, der Cabin, der Welt. Dann auch sehr schnell ein Drang, wieder zu diesen Figuren zurückzukehren und ihre Story neu zu erzählen (etwas, von dem ich dachte, dass es bei einem Rewrite schlicht unmöglich wäre). Ich begann, an der Uni abgelenkt zu sein und ungeduldig auf das Ende der Seminare zu warten, weil ich danach schreiben konnte. Abende allein direkt darum herum zu planen, möglichst viel schreiben zu können. Und am meisten wundert mich immer noch, dass es genau deshalb nicht so einfach war wie früher. Erst gegen Ende des Monats war ich wieder nach weniger als einer halben Stunde in einem Schreibfluss. Davor verbrachte ich Stunden mit wenigen Sätzen – nur um dann doch noch einen Zugang zu finden und mir bis spät nachts ein paar hundert Wörter abzuringen. Und das, was ich als Autorin immer vermeiden wollte, dieses Schreiben auf Druck, fing an, mir Spaß zu machen und mich stolz zu machen. Denn irgendwann kam auch dieser Grundgedanke des NaNo durch: You can’t edit nothing – du kannst nicht Nichts überarbeiten, du musst etwas haben, das Überarbeiten und Erschaffen eines wirklich guten, durchdachten Texts ist erst dann möglich, wenn nicht nur Rahmen und Plot und Figuren stehen, sondern auch der Text selbst mit all seinem Formulierungen.

Erfolg und neue Ziele

Ich erreichte die 10.000 Wörter am 16. Und wusste auf einmal nicht, wohin mit mir – ich hatte geplant, das Ziel irgendwann anzupassen, sollte ich es vor Ende des Monats erreichen. Aber wirklich erwartet, dass ich es erreichen würde, hatte ich nicht. Und dabei war der eigentliche Erfolg die zurückgekehrte Routine! Aber ich wollte trotzdem weiterhin ein Ziel haben. Und das wurden dann die 25.000 Wörter – der halbe NaNoWriMo, und vor allem das Ziel, in der zweiten Hälfte des Monats trotz etwas mehr zu tun noch mehr diese neue Schreibroutine zu nutzen und vielleicht auch endlich mal dieses NaNo-Gefühl davon zu bekommen, gerade wirklich eine Weile lang Schreiben sehr hoch zu priorisieren.
Dieses Erlebnis wurde dann tatsächlich nötig. Denn das erwartete „etwas mehr“ an zu tun und Aufgaben wurde dann doch „viel mehr“ und auch die Treffen mit Menschen wurden häufiger – auch, weil ich sie in der ersten Hälfte des Monats teilweise aufgeschoben hatte, um mehr Zeit in den NaNo investieren zu können. Und so saß ich dann doch abends vor dem Laptop und habe richtig mit mir gerungen – mir Wörter abgerungen, bis dann wirklich zähneknirschend etwas entstand, auch als ich zwar im Flow war, aber definitiv keinen guten Tag hatte. Ich habe so etwas lange gehasst, und ich mag solche Ergebnisse immer noch weniger als andere, natürlich. Aber ich war so stolz, jedes einzelne Mal, wenn es funktioniert hat. Der NaNo hat endlich angefangen, das zu tun, von dem mein Umfeld immer erzählt hat und weshalb ich es immer wieder versucht habe, über diesen verdammten Tag 2 hinauszukommen: Der NaNo hat mich mein Schreiben neu kennenlernen lassen, darüber, dass er mich an dessen Relevanz in meinem Leben erinnert hat. Ich habe mich daran erinnert, wie wichtig mir das Schreiben ist und was es mir bedeutet – denn es war lange etwas, das ich gegen jeden Widerstand aus meinem Umfeld durchgesetzt habe, es war mein Ding. Und dieses Erlebnis wird mir auf jeden Fall bleiben. Und das war es auch, was dieses Camp noch wertvoller für mich macht als mein erreichtes Ziel, das lange so unerreichbar schien: Die Rückkehr in eine Schreibroutine.

Blogtexte und Prosa schreiben

Ich muss euch etwas verraten: Diese 25.000 Wörter waren nicht nur Prosa. Diese 25.000 Wörter waren auch Blogtexte, einige für hier, einige für woanders. Und ja, ab und an sagt eine fiese Stimme in mir, dass die dann ja „nicht zählen“.
Vielleicht. Ich habe sie am Anfang des Camps auch nicht mitgezählt. Aber dann kam die zweite Hälfte des Monats, ich wollte auf einmal in diesen zwei Wochen 15.000 Wörter schaffen, hatte darum herum viel mehr zu tun als in der ersten Monatshälfte – und hatte über die erste Hälfte des Monats trotzdem einen so unglaublichen Drang entwickelt, meine Gedanken in Worte zu fassen, dass es auch keine Lösung war, das Bloggen auszusetzen. Außerdem habe ich schnell festgestellt, dass meine Interessen zum Prosa Schreiben und Bloggen so eng beieinander liegen, dass es sich oft sehr ähnlich anfühlt. Also habe ich aufgehört, zwei große und wichtige Interessen von mir gegeneinander auszuspielen – das habe ich ohnehin zu oft getan, nicht zuletzt mit den ewigen schlechten Gefühlen, weil ich „nur“ Serien schaue statt zu lesen (Storytelling ist beides und die Kritik an Filmmedien gegenüber Büchern ist ohnehin oft klassistischer Müll).

Ich habe Jahre hinter mir, in denen ich versucht habe, alles gleichzeitig zu optimieren. Miracle Mornings, lange Liste im Bullet Journal, immer ein riesiger Habit Tracker, der viel mehr Zeit verschlang, als es alle erledigten Habits gemeinsam getan hätten. Immer musste alles parallel laufen. Dass das nicht funktionierte, habe ich mir viel zu spät klargemacht. Da war nicht nur diese nervige Realität, dass der Tag dann eben doch nur 24 Stunden hat – sondern auch der frustrierende Effekt, dass zwischen zehn und dreißig Ziele gleichzeitig verfolgt wurden. Das machte nicht nur Erfolg auf ganzer Linie unmöglich, sondern vor allem jeden kleinen Erfolg bei einer einzelnen Sache unglaublich unwichtig. Und ich habe alles wieder hingeworfen, offiziell nacheinander, aber eigentlich gleichzeitig.
Auch Prosa Schreiben und Bloggen liefen bei mir lange als konkurrierende Hobbies und kämpften um meine (freie) Zeit. Und die Entscheidung, meine ähnlichen Gefühle dabei ernst zu nehmen und beides als gleichberechtigt anzusehen, machte mir erst einmal Bauchschmerzen. Aber die kamen eben aus internalisiertem Mist heraus: einerseits der allgemeinen Meinung, journalistisches Schreiben wäre „selbst im Rahmen kleiner Blogs“ wertvoller als Prosa – andererseits die Meinung, Prosa wäre hohe Kunst und nicht mit Blogbeiträgen zu vergleichen. Aber von all dem habe ich mich gelöst.

CampNaNo im Juli und weitere Ideen

Wenn ich also in diesem CampNaNo eins wirklich gelernt habe, dann ist es der Wert, den es haben kann, eigene Routinen zu entwickeln und sich von Erwartungen aus dem Umfeld und der Allgemeinheit zu lösen. Und ich hoffe, ich werde in den nächsten Monaten und Jahren mehr Mut dazu haben. Und natürlich auch bei den nächsten NaNos. Als nächstes steht das Camp im Juli an, und dann ist auch schon bald November. Ich bin gespannt, wie sich mein Schreiben dann und auch bis dahin entwickelt. Das Wortkompass-Forum lässt mich weiterhin tracken, wie viele Worte ich im Monat schreibe, und ich mache auch davon Gebrauch. Denn das Bedürfnis nach Output ist wieder so stark wie seit Jahren nicht mehr. Das zeigt mir auch, was ich durch mein zunächst niedriges Ziel gelernt habe: Das CampNaNo mag enden., Schreibaktionen mögen enden, Monate mit viel Zeit und viel Output mögen enden. Aber es geht weiter. Und die Motivation zum Schreiben will genutzt werden. Das Gefühl beim Schreiben, beim Korrektur Lesen, beim Notieren, beim Austausch darüber, beim Existieren unter anderen Schreibenden… das ist es einfach wert.

Daher: Danke, CampNaNo, dass du mir dieses Gefühl zurückgegeben hast.