[Content Notice: Antifeminismus, eklige Typen im Film und im Real Life, Lookismus, Verschwörungstheorien; außerdem große Spoiler für den Film! Für die, die ihn nicht kennen, habe ich hier ein Review ohne Spoiler verfasst]


Feministische Motive und Emanzipation in „Captain Marvel“

Es gibt einige grundsätzliche feministische Motive in Captain Marvel. Einige von euch könnten zum Beispiel den Shitstorm mitbekommen haben, der sich noch lange vor Kinostart ergoss – als das Kostüm bekannt wurde, das Brie Larson im Film tragen würde. Einige Typen dieser Welt fühlten sich beim Anblick des coolen und eben funktionalen und nicht hauteng anliegenden Suits prompt eines weiblichen Objektes zur weiteren Objektifizierung beraubt und beschwerten sich über die fehlende nackte Haut. Dass diese Suit so auch in keinem Comic stark vorkommt, sondern nur ab und an am Rand – und doch als (einziger) Canon umgesetzt wurde, sehe ich damit schon als einen der ersten zentralen feministischen Aspekte des Films. Ganz abgesehen davon, dass Carol selbst eine Heldin ist, die an der Spitze des Films und im Zentrum des Narrativs steht. Und das Thema der Kleidung wird weitergeführt: Im Film tauchen noch einige andere wichtige Frauen auf, und keine davon trägt sexy oder schicke Kleidung. Sie alle tragen Funktionales: Overalls, mal eine Jeans, mal eine Bluse in Rückblicken auf einer Party, dann aber oft auch nur umgebunden und mit einem T-Shirt kombiniert. Frauen sind in diesem Film nicht fancy und keine Ausstellungsstücke, zu keinem Zeitpunkt. Und das ist eben auch Carol nicht, auch auf Höhe ihrer Macht. Ich liebe es sehr.

Harassment und eklige Typen sind ein Thema. Kurz, ja, aber diese eine Szene, in der Carol von einem Typen aus dem Nichts fies angemacht und dann sexistisch beleidigt wird, schlug große Wellen. Erste Typen unter den angeblichen Fans witterten schon eine Verschwörung – diese Szene könne doch nur durch die in den Pressetour-Interviews so aktiv feministisch auftretende Brie Larson eingebaut worden sein. Und natürlich wäre das auch erst im Nachhinein entschieden worden, um es so erscheinen zu lassen, als wäre das an der Tagesordnung. Na ja. Von Misogynie betroffene Personen und alle, die denen mal etwas zuhören, wissen, dass das nun einmal leider so ist. Und dass diese Szene von Anfang an im Skript stand, dass dieses Thema aufgegriffen wurde und sich Carol einfach darüber hinwegsetzt – nicht mit einem flotten Kommentar, was bisher mein absolut bestes Szenario war, war besonders.

Denn es geht ja nicht darum, die Typen schlecht dastehen zu lassen (ganz abgesehen davon, dass das verdammt gefährlich sein kann – für alle, die nicht Carol Danvers sind zumindest). Es geht auch nicht darum, sie zu amüsieren oder durch einen Witz abzulenken (auch wenn das in diesem echten Leben manchmal nötig ist). In diesem Narrativ ist dieser Typ einfach ein Arsch, der für Carol so dermaßen unwichtig ist, dass es sich nicht lohnt, ihm irgendeine Aufmerksamkeit zu schenken. Und das finde ich unglaublich wunderbar – und ganz nebenbei ist es krass, wie wenig ich mir das jemals aktiv hätte wünschen können. God. Diese Szene ist so wichtig darin, wie unwichtig sie ist. Ganz abgesehen vom Ende der Szene: Carol klaut das, was ihn vorher so aktiv männlich-hart gemacht hat. Und fährt diese Maschine nicht vorsichtig, nicht sexy, sondern erst wie jemand, der das noch nie gemacht hat, und dann einfach geradeaus, ohne sich nach hinten umzusehen. I live for this kind of feminism.

Starke Frauenfiguren™ und Frauenfiguren, die (auch) stark sind

Es gibt diesen Trope, auf den ich früher in der Reihe schon einmal eingegangen bin: Den Trope der Starken Frauenfigur. Die Frauenfigur, die nicht so ist wie andere Frauen™. Die Figur, die – laut den Witers – eigentlich auch ein Mann hätte sein können, aber sich dann irgendwie doch nicht so verhält. Die auf einmal härter sein muss als jeder Mann, die ja nie mit Cocktails, Kleidern oder gar der Farbe Rosa in einem Raum sein darf. Die keine Gefühle hat, agebrühter als Bruce Willis und romantische Gefühle höchstens mal als fiese Taktik einsetzt, um einen Typen zu täuschen und etwas von ihm zu bekommen. Aber die Typen stehen ja sowieso kaum auf sie, denn sie ist ja die Einzige, die so halbwegs ernst nehmen können. Spricht sie doch auch ihre Sprache, hat sie ihre emotionalen Reaktionen (nämlich gar keine), wertet sie anderen Frauen genauso anhand von vermeintlich weiblichen Merkmalen die Stärke ab wie die Typen um sie herum. Dieser Trope ist der übliche Gegenentwurf zur übermäßig sanften, rosa, hilflosen Frauenfigur, und oft gibt es nichts dazwischen. In einer Abstufung ist für mich auch Diana in Wonder Woman in diesen Trope gefallen – sie hat sich lange zwischen den Tropes bewegt, aber die Gefühle hatte sie dann irgendwie doch erst am Ende (und da kam es versöhnlich-nicely rüber, ein bisschen, als wäre sie jetzt handzahm, das hat mich etwas gestört).

Carol verweigert sich diesem Trope ganz. Sie lässt sich weder als zu weiblich abstufen noch zu einer harten Maschine machen, auch wenn Yonn-Rogg das gern so hätte. Immerhin trainiert er sie von Anfang an mit dem Ziel, dass sie ihre Emotionen unter Kontrolle bekommt: Nur so kann sie zum Inbegriff einer Starken Frauenfigur werden – und dabei eben zufällig auch zu einer folgsamen Soldatin in seinem Team, die sich keine eigenen Gedanken macht. Trotzdem kritisiert Yon-Rogg bei seiner Kritik an ihrem Kampfstil immer auch das, was an Carol und ihrem Kampfstil vermeintlich „weiblich“ ist: Ihre Gefühle. Und das macht Captain Marvel zu einer klar feministischen Story: Der gesamte Hauptplot spinnt sich darum, dass Carol sich klarmachen muss, dass sie ihr ganzes Leben lang aus Prinzip von irgendwelchen Typen zurückgehalten wurde. Runtergemacht, unnötig kritisiert, bloßgestellt (was ja auch nur in einer Gesellschaft funktioniert, in der eine Mehrheit Männer dann lacht). Sie muss sich mit den Schwächen ihres Lehrers auseinandersetzen und dann damit, dass er sie wegen genau der Eigenschaften, die sie stark machen, immer kritisieren wird – dann sogar, dass er sie nur als Waffe verwenden will und diese störenden Eigenschaften einfach wegtrainieren wollte. Sie muss gegen ein ganzes Leben voller Misogynie ankämpfen, in dem ihr immer auf institutioneller und gleichzeitig auf individueller Ebene klargemacht wurde, dass sie das, was sie will, nicht kann, und an die Orte, wo sie sein will, nicht hingehört.

Der ganze Film ist die Geschichte davon, wie Carol Stück für Stück lernt, dass das alles Bullshit ist. Und dass sie verdammt stark ist, dass genau diese so weitreichend kritisierten Eigenschaften sie stark machen – literally ihre Superkräfte füttern. Carol hat erste große Erfolge für sich selbst, als sie anfängt, nicht mehr aktiv für Yon-Rogg und das Team den Auftrag zu erfüllen, sondern aus ihrer eigenen Neugier. Und dann macht sie daraus ihre eigene Agenda, als sie endlich ein Konzept davon entwickelt, was sie eigentlich will, wer sie ist – und was es bedeuten würde, für diese Person zu handeln und so, wie es ihr altes Ich getan hätte. Carol entdeckt dabei, dass ihre Superkräfte kein Geschenk sind, sondern ein Teil von sich, setzt auch diesen letzten Teil ihres Selbst von Erwartungen und Abhängigkeiten von außen ab – und ist ab diesem Punkt literally nicht mehr zu halten und von nichts mehr abhängig, selbst von der Schwerkraft nicht mehr. Sie ist frei.

Eng gefasster Feminismus und andere schwierige Aspekte

Nun. Ich habe nun einen Artikel darüber geschrieben, wie feministisch der Film ist. Das hat leider auch seine Schwächen – der Feminismus in Captail Marvel ist kein besonders dreidimensionaler Feminismus, er ist weder wirklich intersektional noch queerfeministisch. Das bedeutet, dass sich dieser Feminismus eigentlich auch nur auf weiße, abled cis Frauen (die vermutlich heterosexuell sind) erstreckt. Die Ausnahme bildet Maria, doch auch mit einer coolen Szene, die so vielleicht nicht alle Sidekicks gehabt hätten, bleibt sie ein Sidekick. Und hat diese wirklich tolle Tochter, aber frühstückt dabei eben doch alle Abweichungen von der Norm in einer Person ab. Wieder ein Fall von „cool, dass das repräsentiert wird“, aber eben auch von „Weshalb müssen diese Benachteiligungen jetzt wieder in einer Figur landen“. Ganz abgesehen davon, dass Maria auch die emotionale Arbeit leistet, die Carol zwischendurch dann (überraschenderweise?) doch nötig hat. Ich habe oben schon hervorgehoben, dass ich diesen Aspekt an sich verdammt gut finde. Aber die nicht weiße Frau dann doch wieder diejenige sein zu lassen, die nur einmal kurz schluckt, als die beste Freundin mit Superkräften von den Totgeglaubten zurückkommt und dann schon wieder in Vollzeit Support und emotionale Arbeit leistet? Nicht so cool. Ganz abgesehen von den cissexistischen Aspekten in vielen Szenen des Films, die den Feminismus jetzt auch nicht weiter als bis zu cis Frauen bringen.

Dazu kommt der Anfang des Films, der mich zuerst an miese Verschwörungstheorien erinnert hat, die gern auch mehr als nur einen antisemitischen Einschlag haben. Dass diese Plotline sich umgekehrt hat und diese Figuren sich als die Guten herausgestellt haben, während Yon-Roggs Team von modelartigen Heroes die Bösen waren, war cool. Es bleibt trotzdem ein Beigeschmack von Lookismus, wenn Carol dann eben doch wieder verdammt normschön ist. Auch wenn sie sich mit dem Makeup zurückgehalten haben, was ich sehr cool fand (und was tatsächlich auch in Endgame nicht schlecht war, fand ich, denn Frauen und weiblich Gelesene (und alle anderen Menschen, aber Frauen und weiblich Gelesene sind am meisten von diesen Erwartungen betroffen) sollen eben genau so viel Makeup oder genau so wenig tragen, wie sie gerade möchten.

So etwas wie ein Fazit

Natürlich höre ich sofort das Argument des ewigen Kapitalismus, wenn ich meine Kritik am zweidimensionalen Feminismus, der auch hier wieder dargestellt wird, anbringe. Und tatsächlich wird es teilweise auch daran liegen, dass es dann zum Beispiel doch keine Love Story zwischen Carol und Maria gab, obwohl es zumindest gemunkelt wurde, dass das möglich sein könnte. Und natürlich kann ich den Cissexismus in der Gesellschaft, die den Film produziert hat, nicht einfach verschwinden lassen.

Aber ich denke trotzdem, dass solcher Inhalt betrachtet werden sollte. Ja, gerade große Filme spiegeln (leider) wieder, wie die Gesellschaft darum herum denkt, und die denkt eben meistens diskriminierend und mies. Aber ich denke auch, dass die Entstehungsgeschichte einzelner Filme betrachtet werden sollte. Und Marvel wusste, wie viele Nerdbros sie mit diesem Film verschrecken. Dass er so viel eingespielt hat, war überraschend für alle Beteiligten, und ja, das ist eine gute Nachricht. Ich denke nach wie vor, dass der schwere Stand bei den sogenannten „eingefleischten Fans“, ähm, Typen, von Anfang an klar war. Und ich denke, sie hätten noch mehr auf Risiko gehen und dabei dann auch einen Film machen können, der einen größeren Teil der Fanbase repräsentiert.

Na ja. Vielleicht gibt es noch Änderungen und Entwicklungen in Phase 4. Ich habe Hoffnungen – vor allem für Monica, die in den Comics noch eine große Karriere vor sich hat. Es wäre wirklich ein Anfang, wenn zumindest Teile davon auch ins MCU aufgenommen werden könnten.

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Teil 1: Spoilerfreies Review
Teil 2: Bilder einer Superheldin
Teil 3: Taten einer Superheldin
Teil 5: The Bigger Picture (in Arbeit)
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