[Content Notice für die Rezension: Nennung von Islamfeindlichkeit, sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung]


Ich bin viel zu spät über dieses Buch gestolpert. Vielleicht, weil ich länger nicht in größeren Buchhandlungen war, vielleicht, weil ich mich in den falschen Ecken des Internets bewegt habe. Aber als ich zum ersten Mal von „Schamlos“ gehört habe, war es tatsächlich schon ein paar Wochen erschienen. Drei Muslima erzählen in diesem Buch gemeinsam von ihrem Leben – im Kontext einer oft traditionallen Erziehung und feministischen Einstellung. Dabei geben sie einen Einblick in ihre Elternhäuser, die keinesfalls alle gleich waren, und in ihre Schwierigkeiten beim Herausfinden, was für sie ein selbstbestimmtes Leben darstellt.

Wichtig ist von Anfang an und immer wieder, dass mit diesem Buch keine Islamfeindlichkeit und keine Vorurteile reproduziert werden sollen. Die Autorinnen schaffen es sehr gut, so einen Ton gar nicht erst aufkommen zu lassen, kommentieren sich aber auch gegenseitig, wenn sie Aussagen treffen, die so gelesen werden könnten. Sie haben damit auch mich dabei getroffen, wie ich trotzdem kurz in diese Falle getappt bin.

„Schamlos“ ist ein unglaublich wichtiges Buch. Es wird über all die tabuisierten Themen gesprochen, über Verhüllungszwang und -verbot, über Schwimmunterricht, Fasten und Sex. Und es wird von Betroffenen darüber gesprochen, statt die x-te Zeitungsüberschrift von außen zu nutzen. Es werden einzelne Erlebnisse der Gesamtheit gegenübergestellt, und es wird ganz nebenbei ein aktives Bild davon vermittelt, wie Zusammenarbeit eigentlich aussehen muss, statt weiter bei Voraussetzungen zu bleiben, die Menschen ausschließen. Stichwort Schwimmunterricht.

Wirklich reinhauen tun die Kapitel über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung, in denen zur Sprache kommt, wozu das Abhalten von Sexualkunde (selbst der begrenzten in der Schule) führen kann und wie so etwas in misogynen Traditionen verhandelt wird. Gleichzeitig werden auch hier Perspektiven aufgemacht, was sich verändern sollte und muss, damit auch hier etwas passieren kann.

Und: Genauso reinhauen tun eben auch die Erzählungen von islamfeindlichen Übergriffen, Beleidigungen, heruntergezogener Kleidung. Abfälligen Bemerkungen von zuständigen Erwachsenen gegenüber Kindern, Lehrenden, Respektpersonen.

Dass drei ähnliche, aber nicht gleiche Perspektiven eine Stimme bekommen, macht das Buch unglaublich spannend. In den Interview-Teilen, wo die Autorinnen sich unterhalten, sind sie durchaus nicht immer über alles absolut einer Meinung. Auch das hilft Lesenden dabei, ein diverses und dreidimensionales Bild von dem bekommen, was allzu oft „die muslimischen Community“ genannt wird, und gerade auch von jungen muslimischen Frauen, statt in internalisierte Vorurteile zu verfallen.

Mein einziger Kritikpunkt ist das Reproduzieren einer cissexistischen Vorstellung von Geschlecht und von Geschlechterbinärität. Ich glaube trotzdem, dass ich dieses Buch meinem gesamten Umfeld ans Herz legen werden. Es ist einfach so verdammt wichtig.

Also, an alle fellow nicht muslimischen Menschen: Wir haben hier krasse Bildungsarbeit auf dem Silbertablett serviert bekommen. Wir sollten sie alle annehmen und verdammt nochmal dieses Buch lesen.


[Content Notice fürs Buch: Islamfeindlichkeit, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Beschneidung, Genitalverstümmelung]