Bei der Planung der Buchmesse in Frankfurt gab es bei mir dieses Jahr einiges Chaos: meine geplante Reisebegleitung sagte relativ kurzfristig ab, meine übliche Übernachtungsmöglichkeit in Form von Verwandten verzog mit der ganzen Familie, und dann sagte auch noch das alternative AirBnB ab. Die Messe war mir trotzdem wichtig, und so plante ich einen Tagestrip am Messesamstag nach Frankfurt. Für einige wirklich relevante Veranstaltungen fahre ich eben auch mit einem Fernbus durch die Nacht!

Ein paar Dinge machten mir im Vorfeld der Messe etwas Sorgen. Da waren die rechten Verlage, die trotz der Diskussionen im Jahr davor wieder eingeladen und noch um einige neue ergänzt wurden. Und natürlich ihr Umfeld, das sie wieder mitbrachten. Außerdem war ich nur bedingt glücklich über die neuen Abläufe beim Buchblog-Award, die für mich die kleinen Blogs völlig hinten herunterfallen lassen. Aber es gibt ja trotzdem noch einige Gründe, die Messe zu besuchen!

Die Messe selbst war dann – im Rahmen der erwarteten Nachteile – natürlich wieder wundervoll. Ich habe so tolle Menschen getroffen und ein bisschen Zeit zum Reden gehabt, das Team des Literaturcamp Berlin traf sich und ging gemeinsam auf Sponsorensuche, und ich habe interessante verschiedenste Talks gehört und gesehen. Gerade mit dem Team zusammen durch die Hallen zu schlendern, hat unglaublich Spaß gemacht! Und besonders gefreut habe ich mich, kurz mit Mari reden zu können, nachdem ich eigentlich enttäuscht auf Twitter gelesen hatte, dass sie an dem Tag doch nicht zur Messe kommen konnte (umso toller, dass es doch geklappt hat!).

Dieses Mal hatte ich eine Person dabei, die noch nie auf einer Buchmesse war, und auch das war sehr spannend. Ich hatte richtig das Gefühl, meine eigenen (inzwischen doch etwas festgefahrenen) Messe-Meinungen und -Gewohnheiten noch einmal überdenken zu müssen – und natürlich unglaublich Spaß dabei, einer neuen Person die Awesomeness von Buchmessen zu zeigen. Es war interessant, die eigenen geliebten Ecken vorzustellen und dann auch die anderen noch einmal zu sehen, aber mit der eigenen Anforderung, etwas zu allem sagen zu können.

Allerdings habe ich auch gemerkt, wie viel weniger politisch ich vor der Frankfurter Buchmesse 2017 war. Meine Erinnerungen an die früheren Messen sind da sicher sehr geprägt davon, dass ich mich von manchen Aussagen einfach nicht angesprochen gefühlt habe. Aber die immer stärkere Repräsentation von Rechten und rechten Meinungen ist inzwischen (und als betroffene und/oder sensibilisierte Person erst recht) dann doch schwer zu übersehen. Diesmal waren die rechten Verlage (zumindest die „ganz rechten“) in einer Ecke angeordnet und bildeten so eine Sackgasse unter sich. Das führte zwar nicht mehr zu ganz so großem Zulauf wie die Stände auf den vorigen Messe-Layouts, aber es machte fast eine Viertel Halle zu einem Bereich, der darauf zu lief, von Nazis frequentiert wurde – und sich für mich entsprechend gefährlich anfühlte. Ich war einmal kurz auf dem Weg zu einer anderen Halle aus Versehen dort und habe dann mit meinem „Verlage gegen rechts“-Beutel voller Anti-Nazi-Sticker doch sehr schnell das Weite gesucht. Ich wäre sehr froh, wenn die Buchmesse sich endlich klar positionieren und diese Verlage und Meinungen von der Messe ausschließen würde, aber vielleicht ist das auch zu viel der Hoffnung.

Tweet mit Selfie von mir am Frankfurter Hauptbahnhof, Text: Ich bin in einem Stück in Frankfurt angekommen! #fbm18"

Tatsächlich wurde ich in anderen Bereichen aber positiv überrascht. Da war zunächst die Aktion von Benni, der vor der Buchmesse T-Shirts mit dem Aufdruck „Gegen Nazis auf der Buchmesse!“ entwarf. Leider kam meins nicht rechtzeitig an, aber das wird mich sicher nicht daran hindern, es begeistert zu tragen! Die Reaktionen auf Twitter haben mir auch einmal mehr gezeigt, dass in der Community dort bei allen Enttäuschungen einfach auch lauter wundervolle Menschen sind, die sich gegen Rechts einsetzen oder zumindest dafür einstehen, dass man das tun sollte. Gefreut hat mich auch, dass es von der Bildungsstätte Anne Frank einen Talk mit Felicia Ewert und Rachel Liven gab. Rachel und Felicia sind einfach wundervolle aktivistische Menschen. Und bekommen viel zu selten eine Bühne, weil sie nur auf Probleme der Gesellschaft aufmerksam machen würden, die lieber ignoriert werden. Diese etwas größere Bühne war immerhin mal ein Anfang. Ich wäre unglaublich gern dabei gewesen. Hätte ich nur schon früher bei der Messe sein können!

Bei der Buchmesse selbst hat mich überrascht, wie viele Menschen mit Motiven gegen Rechts und gegen die AfD unterwegs waren. Natürlich war es kein großer Anteil der Anwesenden, aber für ein Event, das sehr die eigene „politische Neutralität“ betont, waren es viel mehr als erwartet. Dann gab es zumindest einige Programmpunkte, die teilweise immerhin stattfanden und teilweise auf erstaunlich große Bühnen gebracht wurden (nicht, dass sie die nicht verdient hätten, aber es war eine positive Überraschung), zum Beispiel die Vorstellung von „Desintegriert euch!“ durch den Autor Max Czolleck. Das auf der Bühne der ARD zu sehen, hat mir doch ein bisschen Hoffnung gemacht.

Bild von der ARD-Bühne, Vorstellung und Diskussion von Max Czollecks Buch "Desintegriert euch!"

Gemischte Gefühle wurden auch ausgelöst: bei einem Vortrag von Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, am Stand des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung. Der Titel „Deutschland in der Europäischen Union – Wie geht es weiter?“ hatte mir Hoffnung auf neue Visionen für mehr europäische Zusammenarbeit gemacht, auch im Zusammenhang des Brexit und vor allem gegen den Rechtsruck. Leider wurde der Brexit nur kurz angesprochen, die am klarsten gezeichnete Version einer EU-weiten Zusammenarbeit war die einer gemeinsamen Armee (was ich dagegen habe, könnte mehrere Beiträge füllen) – und jedem einzelnen Zugeständnis von mehr nötiger Zusammenarbeit wurde entgegengestellt, dass dabei ja nur alles innerhalb der EU zählen darf oder höchstens alles in Europa. Das war einfach so unglaublich auf rechte Wählende und Zuhörende zugeschnittene Rhetorik, dass sie mich richtig wütend gemacht hat.

Mein Lichtblick fand am Ende des Vortrags bei den Fragen statt, als ich fragte, weshalb er mögliche Gefährder unter Geflüchteten hervorhebt, wenn solche Kriminalität doch immerhin verfolgt wird, anders als der NSU, der mir sehr viel mehr Angst macht. Zunächst habe ich damit zumindest die Moderatorin etwas verwirrt, die mich wohl ein ganzes Stück zu jung eingeschätzt hatte: Ich hatte das Mikrofon mit „Wer möchte etwas fragen? -Oh, Kinder an die Macht!“ in die Hand bekommen (und es war etwas genugtuend, dann eine längere und fundierte Frage zu stellen). Dass Herr Roth mich bei der Antwort ausdrücklich siezte, halte ich ihm zugute, allerdings habe ich diese Antwort größtenteils als sehr ausweichend empfunden. Immerhin wies er noch einmal auf die Notwendigkeit des Engagements aller Einzelpersonen hin, die die Gefahr im Rechtsextremismus, aber auch im großflächig verteilten rechten Gedankengut sehen. Mein Lichtblick war aber die Reaktion der Zuschauenden auf meine Frage: während des Mittelteils waren einige gegangen und wir waren nur noch etwa 20 Menschen – und davon applaudierte mir fast die Hälfte, jemand rief: „Endlich stellt hier jemand mal die richtigen Fragen!“. Natürlich war das kein Querschnitt der Gesellschaft und ich kann mir anhand dieser Situation nicht irgendwelche allgemeine aktiven Stimmungen gegen solche Meinungen und Schwerpunkte herleiten. Aber es war eine Bestätigung meiner Position, dass sich aktives Engagement lohnt. Es gibt so viele, die noch angesteckt werden sollten!

Außer den beiden erwähnten Talks habe ich noch einen weiteren gesehen: „Bookstagram – Die Inszenierung des Lesens?“ Die Moderierenden des Azubistro führten das Gespräch mit Anabelle stehlblueten und Anna von annafuchsia. Die beiden haben einen wirklich gelungenen Überblick über Vor- und Nachteile gezielter Ästhetisierung gegeben, über perfekte und imperfekte Fotos und das Bloggen als Arbeit. Dabei fand ich die Moderation erstaunlich positiv und wenig herablassend, wie es in dem Bereich manchmal vorkommt – und in den seltenen Fällen haben Anabelle und Anna super gekontert (und die Moderierenden damit sichtlich etwas in Verlegenheit gebracht).

Bild vom Talk über die Ästhetisierung des Lesens mit den beiden genannten Instagramerinnen und den beiden Moderierenden

Der letzte größere Programmpunkt bei mir war ein sehr wichtiger für mich: Ich habe beim Bundesverband junger Autorinnen und Autoren (BVjA) vorbeigeschaut. In zweiter Linie als Vertreterin des Litcamp Berlin und auf der Suche nach Sponsoring, in erster Linie als Mitglied ohne Plan. Tatsächlich bin ich schon länger Mitglied, aber bekomme nicht wirklich einen Fuß in die Tür – zwar steht im Mitgliedsmagazin, dass es einen Stammtisch in Berlin gibt, aber ich war nicht sicher, wie groß der sein könnte. Von der Möglichkeit, als Mitglied beim Speeddating mit Verlagen auf der Messe das eigene Manuskript mal Menschen und nicht einem überfüllten Postkasten mit unverlangt eingesandten Texten vorstellen zu können, wusste ich vorher schon. Es war trotzdem super hilfreich, den genauen Ablauf und die Möglichkeit zur Anmeldung noch mit einem Menschen diskutieren zu können! Und den Litcamp-Flyer bin ich auch losgeworden. Dieses Gespräch war also definitiv eines meiner Messe-Highlights (für eins entscheiden kann und werde ich mich nicht).

Diese Buchmesse war damit unglaublich toll für mich, erfolgreich im Sinne des Litcamps und offener Fragen, sowohl enttäuschend als auch teilweise ein bisschen hoffnungsvoll im Sinne der Politik – und awesome im Sinne der Menschen. Danke euch dafür, Tim, Wolki, Victoria, Alisha, Laura und Mari! Und euch anderen, die die ganze Community so super machen – nächstes Jahr sehe ich hoffentlich noch etwas mehr von der Messe und von euch!

Bild des Teams des Literaturcamp Berlins: alle stehen nebeneinander und halten jeweils einen farbigen Umschlag - zusammen ergibt sich so ein Regenbogen